SEELILIEN

Seelilien (Crinoiden)

Auch von den Crinoiden rettete sich nur eine einzige Gruppe in die Trias hinüber, von der alle lebenden Seelilien abstammen. Dieser Stammform stehen am nächsten die Holocriniden, die direkten Ahnen der Haarsterne und der gestielten Isocriniden. Holocriniden sind bereits aus der Frühen Trias durch Funde belegt. Während die Seelilien seit der Kreidezeit ihren Lebensraum vom Flachmeer in die Tiefsee verlagerten, siedeln die ungestielten Haarsterne bevorzugt in Riffen.

Bereits Georgius Agricola hat 1546 die Stielglieder der Muschelkalkseelilie Encrinus liliiformis beschrieben und sie wegen ihrer radförmigen Gestalt Trochiten genannt. Zuvor galten sie im Volksaberglauben als Bonifatiuspfennige, Sonnenrädchen oder Hexengeld, doch erst der Hamburger Arzt Michael Reinhold Rosinus erkannte 1719 im „Lilienstein“ Verwandte der Seesterne. Bis die erste lebende „Meerpalme“ aus der karibischen Tiefsee ins Naturhistorische Museum nach Paris gelangte, dauerte es weitere Jahrzehnte.

Mit ihrem bis 150 cm langen Stiel positionierte Encrinus liliiformis seine 10-armige Krone so über dem Meeresboden, dass er mit den filigranen Fiederärmchen Nahrung aus der planktonreichen Strömung filtern konnte. Haftscheiben verankerten die Tiere auf Austernbänken, die als kleine inselartige Riffstotzen den schlammigen Meeresboden überragten und zahllosen Organismen festen Siedlungsgrund boten. Klassische Fundplätze sind das Jagsttal bei Crailsheim und der Elm bei Braunschweig. Dort bilden die Trochitenkalke meterdicke Bänke, die aus ihren zusammengeschwemmten Stiel- und Kronengliedern bestehen.

Im Muschelkalkmeer lebten weitere Seelilienarten, darunter Carnallicrinus und Chelocrinus mit 20 Armen, im südöstlichen Teil des Muschelkalkmeers auch der kleine Dadocrinus. Holocrinus war nicht wie die Encriniden lebenslang mit Haftscheiben am Meeresboden festgewachsen, sondern konnte sich mit seinen Stielanhängen, den Zirren, aktiv festkrallen, ihre Verankerung jedoch auch wieder lösen und sich anderwärts erneut festsetzen.

1_Encrinus_liliiformis

Krone und Wachstumszone des Stiels von Encrinus liliiformis. An jedem der zweizeiligen Armglieder sitzt ein mehrgliederiges Fiederchen, eine Pinnula. Mit diesem zum Fächer geöffneten Planktonsieb filterte die Seelilie ihre Nahrung aus dem Planktonstrom.

4_Chelocrinus

Manche Exemplare von Chelocrinus schlotheimi  aus dem basalen Trochitenkalk Nordwestdeutschlands zeigen noch Reste der ursprünglichen purpurroten bis violetten Farbpigmente, der sog. Fringelite.

3_Trochitenkalk

Milliarden von Enrinusstielgliedern, die Trochiten, sammelten sich am Meeresboden an und bilden metermächtige Bänke des Trochitenkalks, der im Raum Crailsheim als wertvoller Baustein gebrochen und verarbeitet wird.

2_Encrinus_Kelch

Der fünfstrahlige Kelch von Encrinus liliiformis besteht aus drei Plattenkränzen. In der inneren Vertiefung, der Stielgrube, werden neue Stielglieder gebildet, die im Lauf des Wachstums im Stiel kontinuierlich weiter nach unten rücken.

5_Dadocrinus

Dadocrinus ist aus den ältesten Muschelkalkschichten Schlesiens bekannt, aber auch aus Muschelkalk-Gesteinen der tethyalen Trias. Zu dieser Zeit wurden im westlichen Mitteleuropa noch Rotsedimente des Oberen Buntsandsteins abgelagert.

6_Holocrinus

Holocrinus hat einen fünfeckigen Stiel, in dem an besonderen Stielgliedern fünf bewegliche Zirren ansetzten, die das Tier zeitweilig am Meeresboden fixierten. Stielglieder sind im Unteren Muschelkalk in manchen Bänken recht häufig, während ganze Holocrinen wie das abgebildete Stück aus Rüdersdorf bei Berlin zu den großen Seltenheiten gehören. Die Stummelarme über dem tonnenförmigen Kelch sind Regenerate.

7_Traumatocrinus

Traumatocrinus aus Schwarzschiefern Süd-Chinas ist ein vielarmiger Abkömmling der Encriniden, der weltweit in der Tethys lebte, allerdings nicht am Boden wie seine Vorfahren. Seine Larven setzten sich an Treibholzstämmen fest, auf denen die Tiere mit Meeresströmungen trifteten. Dabei wuchsen ihre Stiele bis über 15 Meter Länge heran. Das Muschelkalkmuseum hält eine gut sortierte Sammlung dieser Seelilien.